„Unser gemeinsamer Reichtum muss noch entdeckt werden“

Die Rabbinerin Ulrike Offenberg hat zu einer Fortsetzung und Intensivierung des jüdisch-christlichen Dialogs aufgerufen. Sie sagte am Vorabend des Reformationstags (30.10.2018) bei einer Veranstaltung der Evangelisch-reformierten Kirche im Kloster Frenswegen bei Nordhorn: „Das Christentum darf nicht die Religion sein, die sich hell vom dunklen Judentum abhebt.“ Trotz einer großen gemeinsamen Basis zwischen Judentum und Christentum erlebe sie unter Christen eine große Unkenntnis über das Judentum. „Unser großer gemeinsamer Reichtum muss noch entdeckt werden.“


Der Vortrag zum Nachhören

Offenberg betonte: „Wir sind noch am Anfang des jüdisch-christlichen Dialogs.“ Es gebe aber schon einen guten gemeinsamen Weg, seit das Gespräch zwischen den Religionen vor 50 Jahren begonnen wurde. Er freue sie sehr, dass es über die Absage an der Judenmission in der evangelischen Kirche einen breiten Konsens gebe. Es reiche aber nicht aus, dass dieser Verzicht moralisch mit den Verbrechen an den Juden im Nationalsozialismus begründet werde. Sie wünsche sich mehr Interesse am Judentum. So sei es bedauerlich, dass christliche Pilger in Israel meist nur die Stationen des Lebens Jesu bereisten.

Offenberg erneute die Kritik am Reformationstag als neuen gesetzlichen Feiertag. Angesichts der Judenfeindlichkeit Martin Luthers hatten die jüdischen Verbände einem Feiertag, der mit seinem Namen verbunden ist, stets abgelehnt. Offenberg sagte, die Hetze Luthers gegen das Judentum müssten genauso wie seine reformatorischen Texte als theologische Schriften betrachtet werden. Man müsse das Entsetzen darüber aushalten. Sie hätte sich einen Feiertag gewünscht, der die Frage nach dem zukünftigen Zusammenhalt der Gesellschaft in den Mittelpunkt rücke.

Kirchenpräsident Martin Heimbucher kündigte an, das in den 1980er Jahren begonnene Gespräch zwischen beiden Religionen fortzusetzen. Nötig sei es heute, das Interesse an diesem Dialog an eine neue Generation weiterzugeben. Viele evangelischen Theologen aus dieser Zeit seien inzwischen im Ruhestand. So werde die Evangelisch-reformierte Kirche in Kürze in ihrer Prüfungsordnung für das Theologiestudium Inhalte über das Judentum verbindlich festschreiben.

Die aus Berlin stammende Ulrike Offenberg ist seit 2016 Rabbinerin der jüdischen Gemeinde Hameln. Die 51-jährige ist eine von neun Rabbinerinnen unter den rund 100 jüdischen Theologen in Deutschland.

31. Oktober 2018
Ulf Preuß, Pressesprecher

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