Gradlinig und lauter

Dr. Winfried Stolz erinnert an Christiaan F. Beyers Naudé

tl_files/reformiert.de/oekomene/Suedafrika/Naude1.jpgDr. Christiaan Frederick Beyers Naudé, geboren am 10. Mai 1915 in Johannesburg, entstammte einer Hugenottenfamilie, die nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes von Frankreich in die Niederlande geflohen war und zu der ersten Gruppe von Siedlern gehörte, die 1652 mit Jan von Riebeeck in der Tafelbucht landeten, war also burisches Urgestein. Sein Vater war ein sehr frommer Pfarrer der Nederduitse Gereformeerde Kerk (NGK), dessen nationale Haltung sich daraus ergibt, dass er für seinen Sohn als dritten Vornamen den Familiennamen des burischen Nationalhelden Beyers wählte, der sich als General im Freiheitskampf gegen die britische Kolonialmacht durch besondere Tapferkeit und Umsicht hervorgetan hatte. Der junge Naudé leistete denn auch frühzeitig den geheimen Treueid zum „Afrikaander Broederbond", der politisch-religiösen Widerstandsbewegung der damaligen burischen Minderheit innerhalb der weißen Bevölkerung, die erst nach dem zweiten Weltkrieg zu einer Mehrheit wurde. Er wurde Theologe und heiratete eine deutsche Pfarrerstochter aus dem damaligen Südwestafrika (heute Namibia), woraus auch sein akzentfreier Umgang mit der deutschen Sprache zu erklären ist. Der herausragend begabte Theologe wurde schnell bekannt und beliebt und stieg verhältnismäßig rasch als Gemeindepfarrer zum Moderator der provinzialen Synode Nord-Transvaal der NGK auf. Gleichzeitig stieg er in der Hierarchie des Broederbond bis in die Leitung auf, so dass er bis zu den ersten freien Wahlen in Südafrika über eine intime und präzise Kenntnis der Weltanschauung, der Ziele, der Strategie, der Taktik und des Führungspersonals dieses Geheimbundes verfügte, dessen Mitglieder bis zu den freien Wahlen die Leitungsgremien der Regierungspartei National Party und der NGK beherrschten. Im März 1960 führte ihn das Massaker von Sharpeville (67 getötete schwarze Afrikaner) zu einer radikalen theologischen und politischen Neubesinnung und zum Bruch mit der bisherigen Überzeugung und Verkündigung. Der bekannte und geschätzte Prediger verurteilte in einer landesweit beachteten Predigt scharf die Schriftwidrigkeit der Lehre von der getrennten Entwicklung (Apartheid) in Theologie und Politik und verurteilte deren Sündhaftigkeit und Unmenschlichkeit in Theorie und Praxis. Diese Verkündigung erregte weithin wütenden Widerspruch; Naudé aber hielt mit burischer Zähigkeit und Konsequenz unbeirrt an ihr fest und begegnete allen Kritikern freundlich, aber bestimmt. Sein Entsetzen wuchs, je mehr er von den Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der National Party und ihrer Vollzugsorgane erfuhr und er fühlte sich aufgerufen, so weit eben möglich den Opfern mit Rat und praktischer Hilfe zur Seite zu stehen.

tl_files/reformiert.de/oekomene/Suedafrika/Naude2.jpgAls Naudé trotz aller Proteste und Vorhaltungen an seiner Verkündigung und Praxis festhielt, wurde er von der Synode abgewählt; das Presbyterium seiner Gemeinde beschloss seine Entlassung und erteilte ihm Verbot, seine alte Kirche noch einmal zu betreten. Nach der Entlassung aus dem Gemeindepfarramt wurde er als „Verräter" und „Irrlehrer" aus der Liste der Pfarrer gestrichen, was zur Folge hatte, dass nicht nur sämtliche Bezüge entfielen, sondern auch seine und seiner Frau Mitgliedschaft zur Pfarrerkrankenkasse der NGK als beendet galt. Seitdem lebte die Familie Naudé von ihren Ersparnissen, von Literatur- und Friedenspreisen aus dem Ausland und von gelegentlichen Zuwendungen wohlmeinender Dritter im In- und Ausland. Durch Beschluss des damaligen Landeskirchenvorstandes der Ev.-ref. Kirche in Nordwestdeutschland wurde Naudé mit seiner Familie mit Wirkung vom l. Januar 1984 offiziell als Pfarrer im Ruhestand in die Liste der Pfarrer der Evangelisch-reformierten Kirche in Nordwestdeutschland aufgenommen, was die Zusage von Versorgungsbezügen, Hinterbliebenenbezügen und Beihilfen einschloss.

Nach seiner Entlassung aus dem Kirchendienst wurde Beyers Naudé als Kritiker und Opponent der Lehre und Praxis der Apartheid im Inland sowie weltweit im Ausland immer bekannter, zumal er als eindringlicher Mahner den Behörden immer lästiger wurde, je mehr sein Einfluss bei der schwarzen Bevölkerung wie in der ökumenischen Bewegung stetig zunahm. Gemeinsam mit Pfarrer Sam Buti jun. und Dr. Allan Boezak (reformiert), Dr. Wolfram Kistner (lutherisch) und Bischof Desmond Tutu (anglikanisch) gehörte er nach innen und außen zu den legitimierten Sprechern des kirchlichen Widerstandes und wurde so einer der burischen Theologen, denen die schwarze Bevölkerung vertraute. Als Allan Boezak mit einer Handvoll schwarzer und farbiger junger Pfarrer den „Broederkring" gründete, der nach dem Beitritt weiblicher Mitglieder in „Belydende Kring" umbenannt wurde und bis hin zum Kürzel „BK" nach dem Vorbild der deutschen Bekennenden Kirche eingerichtet war, trat „The old man" sofort als theologischer und strategischer Berater der Leitung hinzu, wobei er seine sämtlichen Erfahrungen aus dem „Broederbond" einsetzen konnte. Als Gemeindeglied und (ehrenamtlicher) Pfarrer hatte er sich inzwischen der (schwarzen) Kirchengemeinde in der Johannesburger township Alexandra angeschlossen; allerdings verbot ihm das Missionskomitee der zuständigen weißen Kirchengemeinde die Ausübung des Predigtamtes.
Im Laufe der Zeit wurden der weißen Regierung die rastlose Tätigkeit des entlassenen Pfarrers und deren Wirkungen zu viel; sie verhängte die Maßnahme der „Bannung". Eine „Bannung" nach früherem südafrikanischen Recht bedeutete, dass der Gebannte seinen Reisepass abgeben musste und seinen Wohnort nicht ohne jeweilige vorherige polizeiliche Erlaubnis verlassen durfte. Der Gebannte durfte nicht öffentlich auftreten und keinerlei Versammlung besuchen; in seiner Wohnung durfte er nicht mehr als einen Gast gleichzeitig empfangen. Jeder Verstoß gegen diese Auflagen konnte unbegrenzte Freiheitsstrafe zur Folge haben. Über den Gebannten durfte nicht gesprochen, insbesondere über ihn nicht öffentlich berichtet werden (damals kamen die Begriffe „The old man" oder „Ohm Bey" in Gebrauch). Naudé beachtete das Reiseverbot, die anderen Auflagen dagegen nicht. Er organisierte Treffen mit der Leitung des Belydende Kring und ausländischen Besuchern, vermittelte vertrauliche Nachrichten zuverlässig und schnell innerhalb des Landes und von und nach außerhalb und half Wehrdienstverweigerern und anderen politischen Flüchtlingen über die Grenze. Diese Tätigkeit war der Beginn des später von ihm gemeinsam mit Wolfram Kistner gegründeten „Ökumenischen Beratungsbüro" (EAB). Da Naudé ununterbrochen polizeilich überwacht wurde, befürchteten seine Familie und seine Freunde während der Jahre der Bannung täglich seine Verhaftung.

tl_files/reformiert.de/oekomene/Suedafrika/Naude3.jpgAuch wenn Beyers Naudé nicht verhaftet wurde - er und seine Familie haben unter seiner Ächtung als „Verräter" im bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis bitter gelitten, insbesondere Ilse Naudé unter der vollständigen gesellschaftlichen Isolierung über viele Jahre. Nachdem die Bannung endlich aufgehoben war, wurde Beyers Naudé zum Generalsekretär des südafrikanischen Kirchenrates (SAC) berufen und reorganisierte von Grund auf die trostlos daniederliegende Verwaltung des SAC, bis er sie Bischof Tutu als seinem Nachfolger übergeben konnte.
Der weiße Südafrikaner Beyers Naudé hat mit seiner Gradlinigkeit und Lauterkeit während der rassistischen Diktatur ein solches Vertrauen der schwarzen Südafrikaner erworben, dass er bei den Verhandlungen zwischen der Regierung de Klerk und der schwarzen Widerstandsbewegung African National Congress (ANC) als einziges weißes Mitglied der Delegation des ANC zugezogen wurde. Nach den ersten freien Wahlen wirkte er als glaubwürdiger, unermüdlicher Mahner am Versöhnungswerk der erfolgreichen Widerstandskämpfer Nelson Mandela und Desmond Tutu mit, auch um die Lebensgrundlagen seines burischen Volkes zu erhalten und zu sichern. Beyers Naudé ist uns ein wichtiger Bruder und ein vertrauter Freund geworden, der insbesondere den Reformierten in Deutschland geholfen hat, die Augen dafür offen zu halten, dass reformierte Mitchristen an einem der Brennpunkte dieser Welt Gottes Wort und Gebot vorsätzlich missachten und damit die Würde und das Recht ihrer und unserer Geschwister anderer Hautfarbe nachhaltig verletzen. Er bleibt uns ein Vorbild dafür, wie man in einer Diktatur gleich welcher Art ein Leben in Anstand und Glaubwürdigkeit führen kann.